Das fertige Manuskript liegt auf der Festplatte, und jetzt kommt die Frage, an der sich Autorenforen seit Jahren die Köpfe heiß reden: an Verlage schicken und auf den Vertrag hoffen, oder selbst veröffentlichen? Beide Wege funktionieren, beide haben einen Preis. Wir legen die Zahlen nebeneinander, damit ihr die Entscheidung nicht nach Bauchgefühl treffen müsst.

Zur Größenordnung des Marktes: Nach den Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erschienen 2024 in Deutschland 65.717 Titel, davon 58.346 Erstauflagen. Selbstverlegte Titel tauchen in dieser Statistik größtenteils gar nicht auf, der echte Ausstoß an neuen Büchern liegt also noch deutlich höher. Ihr konkurriert in beiden Fällen mit einer gewaltigen Menge an Neuerscheinungen, nur die Werkzeuge unterscheiden sich.
Das Geld: Honorare im Vergleich
Beim klassischen Verlagsvertrag sind Honorare von etwa 8 bis 12 Prozent des Nettoladenpreises für das gedruckte Buch üblich, bei E-Books meist 25 Prozent vom Nettoerlös. Dafür trägt der Verlag sämtliche Kosten: Lektorat, Korrektorat, Covergestaltung, Druck, Vertrieb, Presse. Im Self-Publishing dreht sich das Verhältnis um. Amazons Kindle Direct Publishing zahlt bei E-Books zwischen 2,99 und 9,99 Euro bis zu 70 Prozent des Verkaufspreises aus, Plattformen wie Tolino Media oder Books on Demand liegen in ähnlichen Regionen. Laut einer Umfrage des Selfpublisher-Verbands veröffentlichen 43 Prozent der deutschsprachigen Selfpublisher ihre E-Books über KDP, was auch daran liegt, dass Amazon rund die Hälfte des deutschen E-Book-Markts kontrolliert.
Die Rechnung hat allerdings eine zweite Seite: Die 70 Prozent gelten vom oft niedrigen E-Book-Preis, und alle Vorleistungen bezahlt ihr selbst. Ein professionelles Lektorat kostet je nach Umfang mehrere hundert bis einige tausend Euro, ein gutes Cover ebenfalls dreistellig. Wer am Lektorat spart, spart am falschen Ende, das sieht man den Büchern an.
Rechte, Tempo, Kontrolle
- Rechte: Im Verlagsvertrag gebt ihr Nutzungsrechte für Jahre ab, oft inklusive Nebenrechten wie Hörbuch oder Übersetzung. Im Self-Publishing bleibt alles bei euch.
- Tempo: Vom Verlagsvertrag bis zum Erscheinen vergehen üblicherweise 12 bis 24 Monate. Ein Self-Publishing-Titel kann theoretisch nächste Woche online sein, sollte es aber erst nach Lektorat und Korrektorat.
- Sichtbarkeit im Buchhandel bleibt die Domäne der Verlage. Selbstverlegte Bücher schaffen es nur in Ausnahmefällen physisch in die Buchhandlung, der Verkauf läuft fast komplett über Onlineshops.
- Marketing: Hier gibt es die unbequemste Wahrheit für beide Seiten. Auch Verlagsautoren müssen heute selbst Lesungen, Social Media und Newsletter bespielen, kleine und mittlere Titel bekommen wenig Werbebudget.
Für wen sich welcher Weg eignet
Self-Publishing spielt seine Stärken in schnellen, klar definierten Genres aus: Romance, Fantasy, Krimi-Reihen, Ratgeber mit spitzer Zielgruppe. Hier zählen Erscheinungsfrequenz und direkter Draht zur Leserschaft, beides können Selfpublisher besser. Der Verlagsweg bleibt stärker bei literarischen Titeln, im Sachbuch mit Rechercheaufwand und überall dort, wo Presse, Preise und Buchhandelspräsenz den Unterschied machen. Zunehmend üblich ist übrigens der Hybrid-Weg: erst erfolgreich selbst veröffentlichen und mit den Verkaufszahlen als Argument zum Verlag gehen. Verlage beobachten die Self-Publishing-Charts längst als Scouting-Instrument.
Fazit: Rechnet beide Wege einmal komplett durch
Die Frage ist nicht, welcher Weg besser ist, sondern welcher zu eurem Buch, eurem Genre und eurer Bereitschaft passt, Unternehmer in eigener Sache zu sein. Wer schreiben will und sonst nichts, fährt mit dem Verlag besser, auch zu 10 Prozent Honorar. Wer Kontrolle, Tempo und Marge will und dafür Lektorat, Cover und Marketing selbst organisiert, bekommt im Self-Publishing heute professionelle Werkzeuge, von denen Autoren vor fünfzehn Jahren nur träumen konnten.